EINE BEGEGNUNG ZWISCHEN UNGLEICHEN Presse

info-Radio Barbara Wiegand

Wer gleich wer ungleich ist bei dieser Begegnung, dass scheint zunächst klar. Wenn die beiden, nicht behinderten Tänzerinnen Riki von Falken und Friederike Plafki auf dem weißen Boden liegende quadratische Matten mit ihrem Körper begrenzen, mit tippelnden schritten, Drehungen, gestreckten Armen und Beinen das Viereck umschreiben.

Wenn ihr Körper dabei auch zum Raum werden, mit der Achse als zentraler Linie. Während Tim Petersen im Hintergrund eine Gerade entlangläuft - das gelähmte Bein nachziehend. Doch wenn sich die beiden Frauen zu synchronen Bewegungen finden, und dabei doch für sich allein tanzen, während der halbseitig Gelähmte ihnen eigene, fließend weiche Bewegungen entgegensetzt -- dann eröffnet das eine andere Sicht darauf, was oder wer gleich und ungleich ist.

O-Ton: Riki von Falken

Es geht auch um zwei Tänzerinnen -- eine alte, eine junge. Und mit Tim treibe ich das Ganze eben noch auf die Spitze. Denn ich will, dass das Publikum genau hinsieht, dass sein Blick geschärft wird für die unterschiedlichen Bewegungen der unterschiedlichen Körper.

Die Idee zu diesem Projekt basiert auf ihrer Autobiografie — bezieht sich auf die Zeit, als Krankheit und Tod in ihr Leben brach. Als von Falkens kürzlich verstorbener Mann Bildhauer Günter Anlauf im Rollstuhl saß und sie ihn ein halbes Jahr lang jeden Tag auf der Intensivstation besuchte.
Das war die Erfahrung mit Tod und Krankheit, die Frage, was passiert mit jemanden der auf dem Weg ist zu gehen, wenn er sich körperlich neu organisieren muss. Ich habe den Reiz entdeckt dieses zu beobachten. Zu recherchieren wie der Körper seine Bewegungen neu finden kann.
Aus dieser Auseinandersetzung mit einem eingeschränkten Körper entstand der Wunsch der 1954 in Nordrheinwestfalen geborenen von Falken, mit Behinderten zu arbeiten. Sie suchte und fand - Tim Petersen. Beim Theater Thikwa – einer Werkstatt für Menschen mit geistig und körperlichen Behinderungen.
Der seit einem Sturz in einen leeren Swimmingpool mit dreieinhalb Jahren halbseitig gelähmte Tim Petersen hatte zunächst keine Bedenken – als Behinderter bei einem Tanzprojekt mitzumachen. Aber dann war doch alles etwas anders, als er es sich vorgestellt hatte
Es war strenger. Wenn man Sachen machen soll, die für einen schwierig sind zu verstehen. Dann muss man erst mal sehen, so meint die Person das, was sie sagt.
Man musste schon zueinander finden, in der zweimonatigen Probenarbeit. Vorstellungen aneinander annähern, meint Riki von Falken. Und sie wollte eigene Ideen aus Tim heraus kitzeln. Innerhalb des von ihr vorgegebenen Rahmens. ln dem sich drei Akteure treffen, voneinander entfernen, aneinander vorbeilauten. Indem sie Räume mit ihrem Körper begrenzen und in dem plötzlich dann diese Begegnung zwischen Ungleichen einer Einheit gleicht - wenn Friederike Plafkis und Tim Petersens Bewegungen ineinander fließen und dieser Tanz seine bewusst nie kaschierte Behinderung vergessen machen.

„Wenn ich hier arbeite, dann denke ich nicht an die Behinderung, dann denke ich nur an die Bewegung, die ich mache.“

„Begegnung zwischen Ungleichen“ steht für ein ungewöhnliches Tanzprojekt - die vor allem für ihre Soloarbeiten bekannte Choreographin Riki von Falken trifft dabei auf eine nichtbehinderte Tänzerin und den halbseitig gelähmten Tim Petersen. Barbara Wiegand war bei Proben, gesendet am 11. Juni 2005


SWR 2 Journal auf SWR Kultur Elisabeth Nehring

Tanznacht Berlin 2004

Angekündigt waren - wie immer- die "interessantesten" Berliner Choreographen und natürlich die "wichtigsten". Gefährliche Superlative, die angesichts des etwas blassen und konturlosen Programms der diesjährigen Tanznacht wie ein programmatisches Damoklesschwert über dem Abend hingen.
Während in den Jahren zuvor die Arbeiten Überraschendes, Schönes und manchmal Schauderhaftes, vor allem aber Charakteristisches hervorbrachten - Bilder, die in Erinnerung blieben, Bewegungen, die·irritierten - hinterließ diese Präsentation - bis auf wenige Ausnahmen eher den Eindruck einer gewissen ästhetischen Risikolosigkeit.
Darüber hinaus schien vieles im Stadium der Entwicklung zu verharren, eher, „Werkstatt-Charakter“ zu besitzen.
Eva Maria Hörster, eine der künstlerischen Leiterinnen der Tanznacht Berlin.

O-Ton: Eva Maria Hörster

Das ist ja schon so, dass der Werkstatt-Begriff ganz zentral ist auch in vielen Arbeiten. Dass viele Künstler sowieso sehr prozesshaft arbeiten, dass es ein bisschen weggeht von diesem Werkbegriff auch. Das viele eben immer wieder auch Showings machen in ihrer Arbeit und das wiederum fast die Arbeit selber ist. Also gar nicht mal auf dem Weg zu dem perfekten Stück Im Moment ist es glaub ich eher so ein beständiges Werden, als dass es dann zu einem letztendlichen Ziel kommt.

Das wiederum spiegelt exemplarisch die Situation in Berlin — und wahrscheinlich nicht nur hier. Der zeitgenössische Tanz ist durchzogen von ästhetischer Korrektheit; lieber gar keine künstlerische Positionsbestimmung als eine falsche. Diese hat viel mit der Struktur der Tanzszene zu tun Die viel kritisierte Schnelllebigkeit hat auch sie längst erreicht. Gerade junge, talentierte Künstler werden nach den ersten kleinen Erfolgen viel zu schnell mit viel zu großen Produktionen auf die Bühne geschickt, um hinterher entweder in den grassierenden Festivalzirkus geworfen zu werden oder wieder in der Versenkung zu verschwinden. Das langsame und konzentrierte Wachsen eines Künstlers ist eher die Ausnahme und findet häufig gerade dann statt, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit nicht übermäßig auf seiner Arbeit lastet.
Die jetzt fünfzigjährige Berliner Choreographin Riki van Falken ist einer dieser seltenen Sonderfälle. Sie hat die letzten zwanzig Jahre kontinuierlich als Solo-Tänzerin und Choreographin gearbeitet, ohne jemals die „ganz große Karriere“ gemacht zu haben. Das heißt, sie hat keine Riesen-Tourneen veranstaltet und ist auch nicht von einem internationalen Festival zum nächsten gezogen. Stattdessen hat sie nach vielen Jahren konzentrierter, stiller Arbeit jetzt eine Qualität, eine zeitlose Reife erreicht, die man nur schwer mit Worten beschreiben kann.
Ihr neues Stück „Standpunkt“ zu Musik von Laurie Anderson wurde von einer Reise inspiriert.

O-Ton: Riki von Falken:

Ich war jetzt in Israel, das hat mich natürlich sehr geprägt. Und die Laurie Anderson, die hat mich herausgefordert, musikalisch und mit ihrem Text: Walking and Falling – zur gleichen Zeit … gehen und fallen –das war für mich so ganz extrem Israel. Und ich musste irgendwie eine Antwort geben auf meine Zeit, die ich kurz dort verbrachte.

Auf engstem Raum, nur in einem kleinen schwarzen Viereck im weißen Meer der Bühne tanzt Riki von Falken—mit unbeirrtem Blick ins Publikum führt sie präzise Bewegungen von fast mathematischer Klarheit aus: Arme, die in den Boden stechen wollen, abgezirkelte Bewegungen oder kristalline Drehungen und Schritte, die wiederholt werden und dann einen unerwarteten Wechsel erfahren.

O-Ton: Riki von Falken

Und da musste auf einmal dieser begrenzte Raum sein und trotzdem diese große Befreiung in diesem Raum, Ausdruck finden. Nicht alles machen zu können, sondern einen ganz bestimmten Ausdruck zu finden.

Riki von Falkens Abstraktion ist aber keine reine Formalität; viel eher kommt in der Reduktion auf wenige, konzentrierte Bewegungen und deren Wiederholungen ihre ganze Persönlichkeit zum Ausdruck, voller Gefühl und innerer Beteiligung, aber niemals pathetisch oder sentimental. Die alte Theorie, dass sich in der Abstraktion das Wesentliche am reinsten und deutlichsten zeigen kann, findet im Tanz Riki von Falkens eine künstlerische Umsetzung.

O-Ton: Riki von Falken

Ich glaube, was mich immer wieder fasziniert, ist eine Entsprechung zu finden, ein Äquivalent in der Bewegung zu der Stimmung, in der ich gerade bin. Das ist ein langer, langer Findungsprozess. Ich schmeiße da unendlich viel weg, weil ich natürlich alles Mögliche machen kann, aber immer die Kopplung suche, was ich in diesem Moment sagen will.

Selbstverständlich gehört zur Herausbildung einer reifen Künstlerpersönlichkeit mehr als die Ruhe vor einem öffentlich produzierten Erfolgsdruck Der kann ja auch stimulieren, solange er die künstlerische Selbstbestimmung nicht beeinträchtigt. Das aber scheint- auch in der Tanzszene - zunehmend schwieriger zu werden. Gesendet 13.12.04

 

Tanz-Journall 05/04 Irene Sieben

Tanz die Distanz Eine Begegnung zwischen „Ungleichen“

Acht Soloarbeiten haben die letzten 17 Lebensjahre Riki von Falkens bestimmt, oder - vice versa – das Leben: die Liebe zur bildenden Kunst und zur Architektur kahler Räume durfte ihren Tanz formulieren. In ihrer Trilogie White Linen, Wach, One more than one (2000-03) verdichteten sich verstörende Emotionen zu einem Konzentrat des Überlebens.
Die Choreographin webte hier konsequent am Stoff einer Bewegungssprache, die persönlicher Erfahrung entsprang, doch von Privatem entschlackt eine glasklare Form mit spiritueller Gültigkeit gewann. In der offenen Weite des Ausstellungsraums der Berliner Akademie der Künste findet sich Riki von Falken nun wieder - im Spannungsfeld eines Trios. Hinübergerettet als Echo ihrer letzten Arbeiten hat sie Variationen von Gesten, Fuß~ und feinziseliertem Schrittwerk wie rätselhafte Morsezeichen aus einer fremden Ära.
Gerhard Bohner, der in diesem Raum „Im (Goldenen) Schnitt II“ für sich choreographierte, nahm einst die Stirnseite des Rechtecks für sich in Anspruch. Riki von Falken wagt es, den Raum quer zu legen und diese wunderbar beleuchtete, enorme Ausdehnung zu betanzen, zu beschreiten, in kleinere Quadrate zu unterteilen oder oft nur gedanklich zu durchmessen mit Mut zur Distanz. Das Fremde und das Gleiche treffen in Person der Tänzerin Friederike Plafki - mit ihren 25 Jahren halb so jung wie sie selbst und von sinnlich-athletischer Natur - und des Schauspielers Tim Petersen aufeinander (Mitregie: Annette Klar).
Zu Beginn sieht man die drei sehr fern auf engem Raum in einer leuchtenden Ursuppe schwimmen. Schlingernd und fließend greifen ihre Körper ineinander wie ein Organismus. Unterschiede sind kaum auszumachen. Dann löst sich Petersen und findet seinen typischen synkopenreichen Tritt auf der endlosen Länge des weißen Rechtecks. Hier erst wird deutlich, dass dieser Mensch „anders“ ist.
Behindert? Der Begriff beschreibt zwar bürokratisch-medizinisch einen Zustand — rechtsseitig gelähmt -, doch seine faszinierende Präsenz, die atmende Langsamkeit seiner raumfordernden Gestik stellen diese Unterscheidung scharf in Frage. Er scheint sich bewusst abzugrenzen von den beiden hochartifiziell und oft in höchster Präzision synchron tanzenden Frauen. Ihre geometrisch unterfütterten, wie Lichtstrahlen in den Raum projizierten, zuweilen absurden Kodes stellen eine Künstlichkeit her, einer Fremdsprache gleich, gegen die Petersens lang ausgehaltene, später „free“ schreiende Waldhorntöne Protest anmelden. Das ungleiche Zwillingspaar hält durch seine Hieroglyphen Abstand, mag/kann/will nichts übernehmen von seiner minutiös zerdehnten Bewegungssprache, die, aus der Vogelperspektive gefilmt (Ralf Grünberg), an den Wänden magisch aufscheint.
Selten sucht das Trio Hautnähe, nie konkrete Konfrontation. Die Begegnung bleibt gehemmt, tastend, forschend, die Wahrnehmung für den anderen fein geschärft. Blickkontakte auf große Distanz wirken zuletzt wie ein Staunen über das Wunder des Andersseins speziell im Timing. Spannend zu erleben, wie Friederike Plafki sich der Herausforderung stellt, ihre Virtuosität dem ungewohnten Kontext zu unterwerfen und in der Reduktion Reife zu gewinnen. Mit einem neuen Zeitgefühl könnte das Spiel nun frisch beginnen.

 

die tageszeitung

Im Kreuzen der Linien

Gelungenes Tanzstück: Die Choreografin Riki von Falken stellte "Eine Begegnung unter Ungleichen" vor Katrin Bettina Müller

Am Anfang, wenn das Publikum noch mit sich selbst beschäftigt in die große Ausstellungshalle der Akademie der Künste drängelt, dauert es eine Weile, bis man die drei Tänzer am anderen Ende des Raumes bemerkt: ebenso unruhig und um sich kreisend, mit kleinen Schritten und vielen Anstößen, die aus den Gelenken der Schultern, Hände und Ellbogen kommen. Tim Petersen löst sich als Erster aus dieser Gruppe. Die Zeit, die er braucht, um langsam, ein Bein nachziehend und einen verkürzten Arm eng am Körper haltend, den großen Raum zu durchqueren, wird zum Maß für das Wachsen der Konzentration. Aufmerksamkeit generieren, den Fokus verengen und dann das Feld der Beobachtung wieder weit aufziehen, dass der Blick des Zuschauers wie ein Kameraauge hin- und herschwenken muss: Das ist es, was in dem Tanzstück "Eine Begegnung unter Ungleichen" von der Choreografin Riki von Falken so besonders gut gelingt.
Am Ende will man kaum glauben, dass es aus ist. Da hat eine Live-Videoprojektion auf die Wände der Akademie die Tiefe des lichten Raums gesteigert und die beiden Tänzerinnen Friederike Plafki und Riki von Falken, die sich leibhaftig vor uns drehen, vervielfältigt und verkleinert. Sie passten fast in die Hände von Tim Petersen, die sich in Nahaufnahme darüber blenden. Ein so verführerisches Bild, dass man gern länger zusehen möchte, aber das Stück erlaubt dieses Gleiten zwischen dem Real- und dem Illusionsraum nur für kurze Zeit. Musik setzt wieder ein, leise und wie von fern, und während man noch auf darauf wartet, dass sich jetzt alle Energien, deren Bahnen sich zuletzt weit auseinander dehnten, noch einmal bündeln, ist plötzlich Schluss. Das Licht geht aus. Und schnell versucht die Erinnerung festzuhalten, was sich schon wieder entzieht.
Riki von Falken, die man seit 1990 nur noch in Solostücken sah, hat endlich ein Gruppenstück gewagt. Die Zusammenarbeit mit Tim Petersen, einem Darsteller des Thikwa-Ensembles, und der jungen Tänzerin Friederike Plafki, die ab August der Compagnie von Sasha Waltz angehört, hat sich gelohnt. All die Intensität und Schärfe der Beobachtung, all die Leichtigkeit und Eleganz der Bewegung, die Riki von Falken über Jahre weiterentwickelt hat: All dies wird hier widergespiegelt, variiert und potenziert. Zugleich ist dieses Stück für drei spielerischer als alles Vorausgegangene, eine Befreiung aus der Verengung der Selbsterforschung. Diese Bewegung des Aufbruchs findet sich wieder in dem Gegensatz zwischen den kleinen, farbig markierten Feldern, wo die drei Tänzer immer wieder Position beziehen, und der Weite der Halle.
Das Stück lebt auch aus der Reflexion der ästhetischen Mittel, die nie den Effekt und das Dekorative will, sondern für alles nach der Notwendigkeit fragt. Wie greift diese Ausdehnung der Bewegung in die Wahrnehmung der Tänzer untereinander ein, was verlangt jene Streuung der Aktionen vom Betrachter? Diese Ökonomie der Mittel ist wohl tuend, ein Reinigungsbad der Sinne, das aber zugleich das Lustvolle der Bewegung, die allmähliche Aneignung des Raums umso wacher miterleben lässt.
Für Riki von Falken war ein Ausgangspunkt, die Begegnung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zu befragen: Wie die Wahrnehmung des einen für die Sicht auf das andere einen neuen Rahmen setzt. Petersen verwandelt den Tanz der anderen. Er lässt einerseits sichtbar werden, welche Mühe und Arbeit für ihn in der Teilnahme steckt und wie doch zugleich neues Terrain dabei gewonnen wird. Oft verschränkt sich sein Raum- und Bewegungsmaß mit dem der beiden Frauen. Dann entsteht im Kreuzen der Linien ein so vielseitiges Muster, als wären nicht nur drei, sondern viel mehr in diesen Verkehr verwickelt. Schade nur, dass "Eine Begegnung zwischen Ungleichen" erst mal auf drei Aufführungen beschränkt war. Man wünscht dem Stück eine Zukunft. 13.06.2005